Letzten Samstag war ich gerade auf dem Heimweg, saß im Auto und hatte kurz zuvor, wie an vielen Tagen in der letzten Zeit, über die Formulierung einer Email an Christoph Schlingensief nachgedacht. Anfang Juli hatte ich eine sehr freundliche und wohlwollende Antwort auf eine Interviewanfrage erhalten, mit der Bitte, mich doch Ende August nocheinmal zu melden, damit man ein Treffen vereinbaren könne.
Für meinen Interviewpodcast wollte ich mit Christoph Schlingensief über das Thema des persönlichen und gesellschaftlichen Umgangs mit Krankheit und Tod sprechen. Ich hatte bereits meine erste Anfrage viele Wochen lang überlegt, die Idee aber immer wieder verworfen. Aus Respekt vor seiner Zeit und aus Unsicherheit darüber, ob ich seinem energiegeladenen, kraftvollen und komplexen Reflektieren im Gespräch gewachsen wäre.
Es war die Erinnerung an eine kurze, schon länger zurückliegende, persönliche Begegnung mit ihm und die Fernsehwiederholung seines Auftritts in der Talkshow 3nach9, die mir erneut bewusst machten, dass mich die außergewöhnlich herzliche Unvoreingenommenheit, wie man sie häufig nur bei kleinen Kindern erlebt, die ein Zulächeln aus der Ferne so ungewohnt offen erwidern, immer am meisten an Christoph Schlingensief beeindruckt hat.
Unter dem Eindruck dieser Erinnerung traten die Bedenken in den Hintergrund und ich schrieb dann an einem Abend Ende Juni eine erste Anfrage. Die positive Antwort erzeugte in mir eine große Freude über die Möglichkeit eines solchen Gesprächs Ende August und ich begann mich innerlich auf die Begegnung und das Thema vorzubereiten. Im Verlauf des Julis hörte ich von der Absage der Aufführung von S.M.A.S.H. bei der Ruhrtriennale aufgrund eines schweren Krebsrückfalls, was mich sehr schockierte.
Innerlich trug ich in der folgenden Zeit aber vor allem ein Gefühl mit mir herum, das Elfriede Jelinek am vergangenen Wochenende in einen simplen Satz packte: “Ich dachte immer, so einer kann nicht sterben.” – Dieses merkwürdig sichere Gefühl manifestierte sich vor allem darin, dass ich, trotz der schlimmen Neuigkeiten, ausschließlich darüber nachdachte, wann und auf welche Art ich mich wieder melden sollte.
Letzten Samstag, Ende August, beginnen die Nachrichten auf Radio Eins.
“Der Theater- und Filmregisseur…”
Ab und zu hört man im Leben Dinge, die einen sich plötzlich hektisch nach einem Ausweg aus der Realität umsehen lassen. Wie ein bis ins Mark erschrockene Tier nach einem lauten Knall.